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IGNATZ BUBIS †

Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland

Ignatz Bubis, mosaisch, geboren 1927 in Breslau. 1935 Umzug ins polnische Deblin wegen zunehmenden Naziterrors. Zwei Jahre Volksschulbesuch in Breslau, vier in Deblin. Überlebender des Ghettos in Deblin und des Arbeitslagers in Tschenstochau. Befreiung im Januar 1945.
Nach Kriegsende Rückkehr nach Deutschland mit Aufenthalten in Berlin, Dresden, Stuttgart, Pforzheim und letztendlich Frankfurt a. Main, wo er im Schmuck- und Edelmetallhandel sowie in der Immobilienbranche als Unternehmer tätig war.
Anfang 1980 Übernahme von Spitzenpositionen in jüdischen Verbänden, von 1983 bis zu seinem Tode Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Seit 1982 im Direktorium des Zentralrates der Juden in Deutschland, 1989 Stellvertretender Vorsitzender, 1992 Vorsitzender und 1997 Präsident. 1998 Präsident des European Jewisch Congress.
Auszeichnungen u. a.: Hessischer Verdienstorden, Bundesverdienst-kreuz 1. Klasse und Großes Bundesverdienstkreuz, Wilhelm-Leuschner-Medaille, Erich-Kästner-Preis, Moses-Mendelssohn-Medaille, Theodor-Heuss-Preis, Goldstein-Preis, Hedwig-Burgheim-Medaille und Ricarda-Huch-Preis.
Mitgliedschaften/Ämter u. a.: Rundfunkratsvorsitzender des HR, Vorsitzender des Kuratoriums der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, Mitglied im Senat der Deutschen Nationalstiftung, Vice President der "Conference on jewish material claims against germany".

Ignatz Bubis starb am 13. August 1999 im Alter von 72 Jahren in Frankfurt a. M.

GEGEN VORURTEILE UND VERGESSEN

Ignatz Bubis

Nach kurzer persönlicher Vorstellung und Fragen nach dem Informationsstand der jugendlichen Zuhörerinnen und Zuhörer begann Herr Bubis sein Referat über die Entwicklung des Zusammenlebens der deutschen Juden und Christen. In wenigen Sätzen fasste er viele Jahrhunderte zusammen und konzentrierte sich dann auf die nationalsozialistische Zeit mit ihren ersten schrecklichen Einschränkungen und Demütigungen der Juden im gesellschaftlichen Leben. Dabei zog er geschickt Parallelen zum Leben der Jugendlichen in der jetzigen Zeit, so dass sich ein besseres Verständnis für die Denkweise und das Vorgehen der Menschen in der damaligen Zeit herstellen ließ. Die Lage der jüdischen Bevölkerung verschlechterte sich damals zunehmend, große Teile der übrigen Bevölkerung konnten ihre Vorurteile und ihr Misstrauen gegenüber den Juden ausleben und so eskalierte dieser Judenhass in millionenfachem Tod und Verderben. Der Holocaust, im Volk der Dichter und Denker geschehen, beeinflusst bis zur heutigen Zeit die Denkweisen und auch die Geschichte der Deutschen und der Juden. Trotz dieser bitteren Erkenntnis wäre eine Schuldzuweisung an den einzelnen Menschen und hier insbesondere an die heutige Jugend total abwegig, was aber den Wahnsinn der Schuldigen an Auschwitz, Treblinka u. a. Konzentrationslagern nicht schmälert. Zu einfache, allgemeine Schuld-zuweisungen würden nur die heute wieder aufkeimenden Vorurteile und den Antisemitismus beflügeln. Statt ihrer müsse ein Eingestehen der Wahrheit, die Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemühungen um Vergessen und somit die Anerkennung der schrecklichen Geschehnisse in der Vergangenheit im Deutschland der Nachkriegszeit eintreten. Hier hätten die älteren Menschen ihre Verantwortung zu tragen und so zu praktizieren, dass sie den nachwachsenden Generationen nicht vergiftende Vorurteile, Rassenhass und Judenfeindlichkeit, sondern Integrationsbereitschaft, Aussöhnung, ernstgemeinte Wiedergutmachung und das Nichtvergessen vermitteln. Die Schulen hätten hier eine besonders schwere Aufgabe zu erledigen, denn trotz aller pädagogischen Bemühungen um Bewältigung der Vergangenheit sei das Wertebewusstsein vieler junger Menschen wieder so weit gesunken, dass Synagogen angesteckt, jüdische Friedhöfe geschändet und judenfreie Zonen eingerichtet würden sowie allgemeiner Fremdenhass gepredigt werde. Damit würden die Geister der Vergangenheit, der Unmenschlichkeit beschworen. Die Jugend heute habe an den damaligen Verfehlungen keine direkte Kollek-tivschuld, sie sollte sich diese auch nicht einreden lassen, sondern mit Zuversicht der Zukunft entgegensehen, ohne die Vergangenheit zu vergessen, gar zu leugnen. Eine gefestigte demokratische, antirassistische Überzeugung sei ein guter Schild gegen rechtsradikalen, neofaschistischen Werteverfall.

Lübeck, 26. März 1999

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