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Professor Dr. Dietrich von Engelhardt

Dietrich von Engelhardt, geboren 1941 in Göttingen. Nach dem Studium der Philosophie, Geschichte und Slawistik Promotion in Philosophie 1969 in Heidelberg. Danach Mitarbeiter eines kriminologischen Forschungsobjektes und kriminaltherapeutische Tätigkeit am Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg, 1971 Assistent am Heidelberger Institut für Geschichte der Medizin, Habilitation in der Fakultät für Naturwissenschaftliche Medizin 1976, seit 1983 Direktor des Instituts für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte der Universität zu Lübeck, zunächst Mitglied und seit 2000 Vorsitzender der Ethikkommission für Forschung der Universität zu Lübeck, 1993-1996 Prorektor der Universität zu Lübeck, 1995 Aufnahme in die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, 1994-1998 Vizepräsident der Akademie für Ethik in der Medizin und 1998-2002 ihr Präsident, seit 2001 Stellvertretender Vorsitzender des Landeskomitees für Ethik in Südtirol, außerdem Mitglied des Stiftungsvorstandes der Possehlstiftung, seit 2003 Vorsitzender des Klinischen Ethikkomitees der Medizinischen Universität zu Lübeck.

Forschungsschwerpunkte: Theorie der Medizin, Geschichte der Medizinischen Ethik, Ethik im Medizinstudium, Medizin in der Literatur der Neuzeit, Naturwissenschaften und Medizin in Idealismus und Romantik, Umgang des Kranken mit der Krankheit, Medizin- und Wissenschaftshistoriographie, Selbstverständnis des Naturforschers und Mediziners.

Euthanasie zwischen Lebensverkürzung und Sterbebeistand

Professor Dietrich von Engelhardt

Professor Dietrich von Engelhardt hält einen äußerst lebendigen Vortrag zu einem sehr ernsten Thema, das wir alle verdrängen und uns dennoch alle angeht: das würdevolle Sterben.

Die Neuzeit unterscheide zwischen der äußeren und der inneren Euthanasie; erstere bedeute Hilfe zum Sterben mittels Medikamenten, letztere Hilfe im Sterben, die wir alle geben könnten.

Heutzutage hätten wir zwar alle Geburtshelfer, obwohl Sterbehelfer genauso wichtig seien, kritisiert von Engelhardt. Um hier in besonderem Maße zu sensibilisieren, bedient sich der Referent sehr einfühlsamer Musik von Schubert und Bach sowie sehr treffender Zitate Hegels und Rilkes. Im Nachbarland Holland gelte im Vergleich zu Deutschland kein Verbot der aktiven Euthanasie. Obwohl diese dort nur bei (nach medizinischer Einschätzung) aussichtslosem Zustand angewandt werde, sei erwiesen, dass nur 3 % der holländischen Sterbenden aktive Euthanasie wolle und davon bei 30 % diese durchgeführt worden sei.

Engelhardt kritisiert, dass wir fast immer nur über Hilfe zum Sterben redeten, nie jedoch über Hilfe im Sterben. Er problematisiert, dass man in Holland bereits diskutiere, ob psychisch und chronisch Kranke getötet werden können und unterscheidet die Bedeutung von Euthanasie zwischen Lebensbeendigung und Sterbebeistand. Schmerzlinderung könne schon heute lebensverkürzende Nebenwirkungen haben, passive und indirekte Euthanasie seien in Deutschland erlaubt.

"Meine Botschaft", so Professor Engelhardt: "Die substantielle Herausforderung der Zukunft liegt für jeden einzelnen Menschen wie für die Gesellschaft in der Euthanasie als seelisch-geistiger Begleitung des Sterbenden; ihr Gelingen wird die Bitte um Lebensverkürzung nur zu oft gar nicht erst entstehen lassen oder überflüssig machen."

Er sieht auch Probleme angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland. Aktive Sterbehilfe könne, falls legal, warnt er, angewandt werden, um Kosten zu sparen und bald normal dazu gehören.

Am Ende der sehr beeindruckenden und anschaulichen Veranstaltung fordert der Referent dann auf, mit dem Begriff und vor allem der Legalisierung der "aktiven Euthanasie" in Zukunft etwas vorsichtiger umzugehen. Er wolle mit seinem Vortrag bewirken, dass wir alle den Tod nicht nur als "grauenhaft" ansehen, sondern als dem Leben zugehörend.

Die Veranstaltung endet mit einem uns alle sehr nachdenklich machenden Zitat von Montaigne: "Wir sterben nicht, weil wir krank sind, sondern wir sterben, weil wir leben."

Lübeck, 15. Februar 2004

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